Reime finden – Songtexte Schreiben mit passenden Reimen [02]

22. Januar 2015

3, 2, 1… reimt’s?

In dieser Folge widmen wir uns den Reimen. Wann reimen sich zwei Wörter eigentlich? Welche Arten von Reimen gibt es? Wo positioniert ihr eure Reime am besten? Wir zeigen euch die wichtigsten Grundlagen zum Reime finden für Songtexte.

Ihr lernt saubere und unsaubere Reime kennen sowie Techniken, mit denen ihr Doppelreime findet. Außerdem zeigen wir euch die gängigsten Reimschemata mit einigen Beispielen.

Die Anatomie des Reims

Zwei Wörter reimen sich aufeinander, wenn ihre Endung phonetisch gleich klingt. Phonetik ist die Lehre der klanglichen Laute und erklärt beispielsweise, warum sich “time” auf “Reim” reimt. Wenn wir die beiden Worte phonetisch aufschreiben, also so, wie sie ausgesprochen werden, schreibt man sie [taim] und [raim]. Wie ihr sehen könnt haben beide die Endung “aim”.

In Songtexten erwarten die Hörer meist, dass sich Zeilen reimen. In einer Zeile wird eine Erwartungshaltung für den Hörer aufgebaut, die erst durch den passenden Reim in einer späteren Zeile erfüllt wird. Somit entsteht ein Spannungsbogen und ein akkustischer Wiedererkennungseffekt. Gereimte Aussagen prägen sich leichter ein, wodurch sich gereimte Songs auch viel besser mitsingen lassen. Außerdem macht es den Text spannender.

Grundsätzlich können Reime sauber und unsauber sein. Bei einem sauberen Reim stimmt die phonetische Endung der beiden Wörter exakt überein. Wenn sie hingegen phonetisch nur ähnlich klingen, ist der Reim unsauber. Saubere Reime bringen eine höhere Sicherheit mit sich, dass der Hörer den Reim als solchen wahrnimmt. Unsaubere Reime erfordern eine flexiblere Assoziationsfähigkeit. Der Hörer kann solche Reime mit einem Schmunzeln wahrnehmen.

sauber unsauber
vermissen schiffen
Fahne hissen mischen
wissen bisschen

Auf Wörter gibt es stets mehr unsaubere als saubere Reime, insofern steigt die Wahrscheinlichkeit bei einem unsauberen Reim, dass er für den Hörer völlig neu ist und eine ganz neue Verbindung zwischen Wörtern schafft. Dies ist ein Mehrwert, der das Erleben des Texts ebenfalls spannender gestalten kann.

Am Beispiel wird ebenfalls deutlich, dass der Reim mindestens ab der letzten betonten Silbe beginnen muss. Wenn die letzte Silbe betont ist, wie bei dem Wort „Pflaumenbaum“, funktionieren auch Reime nur auf die Endung -aum. Bei „Pflaume“ hingegen reicht ein Reim auf die Endung -me nicht aus, es müssen sich also mindestens zwei Silben auf -aume reimen. Somit sollte die Silbenzahl der Reime ab der betonten Silbe übereinstimmen.

Übung
Übung: Versucht, jeweils mindestens 3 saubere, insgesamt mindestens 7 Reime auf folgende Wörter zu finden: Traum, schreiben, Gitarre, gelegentlich.

Die Lösung könnte zum Beispiel so aussehen:

sauber unsauber
Traum klauen
Baum Zaun
Schaum Frauen
kaum Flaum
bauen
schauen
genau
schreiben Reifen
bleiben Weichen
treiben meiden
bleiben leiden
eigen
schneiden
gleiten
Gitarre Kappe
Sache Waffe
Zigarre Masse
mache paffe
schaffe
Affe
lasse
gelegentlich dagegen spricht
wesentlich eben nicht
ekelig dreh dich nicht
gegen dich Fehler spricht
(ganz saubere Reime sind vor dem Gericht
hier sehr schwierig zu finden) regel ich
kennst du nicht

Doppelreime

Besonders im Hiphop und Pop sind Doppelreime üblich. Doppelreime sind per Definition mehrsilbige Reime, entweder auf längere Wörter oder Wortgruppen. Ihre Besonderheit ist, dass sich die Silben an der gleichen Position in beiden Wörtern aufeinander reimen.

Am besten lässt sich das an einem Beispiel erkennen:

Massenreim
Waffenschein
Doubletime
lange Zeit

Diese vier Doppelreime reimen sich (unsauber) aufeinander. Alle vier Wörter sind dreisilbig und ihre phonetischen Vokale sind in allen vier Fällen [..a..e..ai..]. Hierbei spricht man von einem dreisilbigen Doppelreim. Dieses Stilmittel lässt den Text noch mehr mit den Reimen verschwimmen und macht die Stelle zu einem echten “Hinhörer”. Einige Hiphop-Artists legen ihre Texte so an, dass sich in jeder Zeile mehrere Doppelreime aufeinander befinden. Auch achtsilbige Doppelreime und länger sind keine Seltenheit!

Ein gern genutztes Stilmittel ist auch, die Doppelreime in Wörtern zu verstecken. Durch die richtige Positionierung im Takt wird der Reim dann rhythmisch erst deutlich. In der folgenden Zeile findet ihr gleich vier versteckte Doppelreime auf “Massenreim”:

Affengeil

Doppelreime zu finden ist ein wenig kompizierter im Vergleich zu einsilbigen Reimen. Eine gute Methode ist es, das mehrsilbige Wort in kürzere Bestandteile zu zerlegen und zuerst einige Reime auf die Reimschnipsel zu finden. Anschließend könnt ihr versuchen, verschiedene Reimschnipsel miteinander zu kombinieren und sinnvolle Doppelreime zu erhalten. Das müssen keine zusammenhängenden Wörter sein, auch Wortgruppen wie im Beispiel „lange Zeit“ können gut funktionieren. Der Anspruch an Doppelreime fordert selbst erfahrene Texter. Dennoch ist hier mit ein bisschen Übung eine schnelle Steigerung im Reimefinden möglich!

Übung
Übung: Sucht doch mal ein paar Doppelreime auf folgende Wörter: Nachtigall, Grabrede, Lotusblüte, Staffelmalerei.

Die Lösung könnte zum Beispiel so aussehen:

Nachtigall Grabrede Lotusblüte Staffelmalerei
Basketball lang lebe große Rübe Basketballverein
Wasserfall Drahtesel Krokuszwiebel ganze Nacht daheim
Affenstall Armhebel Lobeslieder sagenhafter Schein

Die Position des Reims im Takt

Rhythmisch gibt es einige Grundregeln, durch die eure Hörer denn Reim besser wahrnehmen können. Erinnert euch an die X-Dot-Methode aus dem ersten Blogbeitrag. Dort hatten wir festgestellt, dass Wörter ihre natürliche Position im Takt einnehmen, sobald man ihre natürliche Betonung berücksichtigt.

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Reim. Ein Reim klingt natürlich, wenn beide Wörter an der gleichen Position im Takt stehen.

Unicorn 1

In diesem Beispiel steht der Reim fly-high in beiden Zeilen kurz vor dem vierten Grundschlag. Ganz egal, wo die Position des Wortes im Takt ist, die beste Position für den Reim in der betreffenden Zeile ist exakt die Gleiche!

Sollte das einmal aus irgendeinem Grund nicht möglich sein – beispielsweise weil ihr die zweite Zeile kürzen müsst – dann achtet darauf, dass der Reim immerhin noch die gleiche Position zu einer Grundzählzeit hat. In unserem Beispiel bedeutet das: Unser Reim “high” war kurz vor der Zählzeit Vier. Wenn wir ihn verschieben müssen, dann entweder kurz vor die Drei oder kurz vor die Zwei:

Unicorn 2

Wenn wir den Reim an eine andere Stelle schieben würden, ist er im Rhythmus nur noch schwer als Reim zu erkennen und klingt künstlich. Diese Lösung wäre also unprofessionell:

Unicorn 3

Hier liegt der Reim kurz nach der Zählzeit Eins. Probiert es mal aus, es klingt ganz komisch.

Nutzt also auch die beiden Techniken Pause und Umformulieren, um eure Reime an den richtigen Stellen im Takt positionieren zu können.

Übung
Übung: Schreibt vier Zeilen zum Thema euer Wahl. Wenn euch keines einfällt, schreibt über “Wiederentdecken kindlicher Neugier”. Achtet hierbei auf die Position der Reime im Takt, sowie darauf, bewusst Pausen zu setzen.

Reimschemata

Im Folgenden werden wir uns ein paar gängige Reimschemata anschauen und jeweils an einem Beispiel ausprobieren. Diese Reimschemata helfen euch, die Reime in die richtigen Zeilen zu setzen. Wenn ihr bewusst eines dieser Reimschemata verwendet, solltet ihr dabei bleiben. Euer Hörer wird sich sonst wundern, wenn die eine Strophe nur aus Paarreimen besteht, während die nächste Strophe Kreuzreime verwendet. So eine Spielerei lenkt vom Inhalt ab und sollte sparsam verwendet werden.

Paarreim

Der Paarreim ist das üblichste Reimschema und findet sich in allen Genres wieder. Hierbei reimen sich stets zwei aufeinanderfolgende Zeilen miteinander. So entstehen Paare von Zeilen, die kurze Spannungsbögen aufbauen. Um den Fokus des Hörers auf den Inhalt des Textes zu legen, ist der Paarreim die beste Wahl.

Beispiel:

a
a
b
b
Jetzt wisst Bescheid über Phonetik und Doppelreim
übt n paar Minuten und ihr schreibt nen ganzen Song allein.
Wir geben Tipps Tricks zum Songtexten
von einfachsten Kniffen, bis zu Komplexen.

Kreuzreim

Kreuzreime eignen sich beispielweise gut für Refrains. Bei ihnen reimen sich die erste und dritte Zeile sowie die zweite und vierte Zeile. Um beide Reime wahrzunehmen, muss sich der Hörer zuerst beide letzten Wörter der ersten beiden Zeilen merken, damit er später die Reime erkennen kann. Somit wird ein längerer Spannungsbogen aufgebaut, bei dem die Erwartunghaltung gleich auf zwei Reime erfüllt werden muss.

Beispiel:

a
b
a
b
You can take a pen
give it just a try
practice with your hand
write a song and rhyme

Umarmender Reim

Der umarmende Reim baut, ähnlich wie der Kreuzreim, eine Erwartungshaltung für zwei Zeilen auf. Diese werden dann aber in umgekehrter Reihenfolge erfüllt. In der Musik ist dieses Reimschema eher selten zu finden, da es nicht so gleichmäßig wie der Kreuzreim klingt. Als besonderes Stilmittel taugt diese Reimform aber auf jeden Fall!

Beispiel:

a
b
b
a
Blog nummer zwei
wir zeigen wie es geht
wir reimen, ihr versteht
seid ihr wieder mir dabei?

Schweifreim

Der Schweifreim funktioniert über ein paar Zeilen mehr. Eine Reihe von Zeilen, die auf dem gleichen Reim enden, wird von einer neuen Zeile (b) unterbrochen. Im Anschluss daran folgen eine Reihe von Zeilen mit einem neuen Reim, an deren Ende sich nun der Partner zu b findet. Dieses Reimschema erfordert vom Hörer, sich den Reim b ziemlich lange zu merken, wobei aber auch ein größerer Spannungsbogen entsteht. Denkbar wäre so ein Beispiel auch in der Form aab ccb, sofern die Zeilen mit b jeweils über zwei Takte gehen. Wichtig ist, dass der Schweifreim immer in der letzten Zeile eines geraden Blocks von Takten kommt. So bleibt die natürliche Gleichmäßigkeit erhalten.

Beispiel:

a
a
a
b

c
c
c
bReimt jeden Tag
via Reimschemata
und ihr schreibt einen Part.
Wir wissen, dass du viel kannst.

Das hier ist ein Schweifreim
Danke fürs dabei sein
Habt ihr Bock auf Teil drei
Schreiben wie am Fließband.

Haufenreim/Binnenreim

Viele Zeilen, die sich alle auf ein und dieselbe Zeile a reimen, bezeichnet man als Haufenreime. Diese sind besonders unterhaltsam, da der Text dadurch eine stärkere Einheit darstellt. Dem Hörer wird die Regelmäßigkeit schnell bewusst und er fieber selbst mit, wie viele Reime der Interpret wohl noch findet.

Im Rap werden Haufenreime häufig mit Binnenreimen kombiniert, so dass sich weitere (Doppel-) Reime nicht nur am Ende der Zeilen, sondern auch in den Zeilen befinden. Durch eine solche Masse an Reimen klingt die Stimme fast wie ein Instrument, dass immer wieder dieselbe Folge von Vokalen wiedergibt.

Beispiel:

a a
a a
a a
a a
Mein Doppelreim liegt bei Mitternacht auf einem Opferstein
klar war von vornherein – für ihn wird niemals Morgen sein.
Er strahlt im Mondenschein wunderschön und sorgenfrei
Fallen mir die Worte ein, wird er in meiner Strophe sein!
Übung
Übung: Schreibt eure vier Zeilen aus der letzten Übung um, so dass sie als Paarreim, Kreuzreim oder als Umarmender Reim funktionieren. Wie wirkt diese neue Form?

Die Lösung könnte zum Beispiel so aussehen:

Staunen2

Als Kreuzreim wirken die Kontraste deutlicher. In diesem Text wird der Spannungsbogen so ein wenig länger gezogen, dass diese vier Zeilen wunderbar als eigenständiger Part funktionieren könnten. Als erste Strophe oder als Bridge beispielsweise.

Reime finden beim Schreiben des Textes

Eine unserer wichtigsten Aussagen dieser Reihe ist, dass ihr euren Songtext am Stück und ohne Unterbrechung schreiben solltet. Einer der fiesesten Fallstricke beim Texten sind aber leider die Reime. Wenn ihr am Ende einer Zeile anlangt und nicht sofort einen Reim findet, solltet ihr nicht zu lange dort verweilen, sondern lieber erst einmal ein anderes Wort einfügen, oder durch einen Strich kennzeichnen, dass hier später ein Reim eingefügt werden soll.

Auch wenn ihr innerhalb einer Zeile das Gefühl habt, dass hier später noch ein Reim hineinsollte, markiert die Stelle einfach mit einem Strich und kehrt später hierhin zurück. Erstmal muss der rote Faden stehen.

Eine große Gefahr an Reimen ist, dass der Text dadurch seinen Sinn verliert. Fokussiert sich der Texter zu stark auf das Verwenden von Reimen, dann entstehen Zweckreime. Selbst wenn der Hörer nicht merkt, dass die verwendeten Worte nur des Reims wegen dastehen, wird der Inhalt so unübersichtlich, dass dem Hörer jeder Zugang und rote Faden verloren geht. Vermeiden könnt ihr dass nur, indem ihr darauf vertraut, dass es auch vorerst ohne Reim funkioniert und ihr den Text nicht beim ersten Schreiben perfekt machen wollt. Lasst die Reime warten bis auf die Überarbeitung, zuerst muss der Inhalt stimmen!

Übung
Übung: Um Reime zu finden solltet ihr euch ab und zu ein paar Wörter ausdenken und darauf jeweils 4-8 Reime aufschreiben. Dies ist aus zwei Gründen sinnvoll: Erstens schult ihr damit eure Assozisationsfähigkeit und könnt in Zukunft leichter neue Reime finden. Zweitens könnt ihr die dabei entstehenden Listen sammeln und beim Texten in der Nähe haben. Wenn ihr einen Reim sucht, auf den ihr schonmal gereimt habt, erinnert ihr euch leichter an eure Reime oder könnt nachschlagen.

Die Lösung könnte zum Beispiel so aussehen:

Diese Übung geht immer, so lang ihr sie machen wollt. An dieser Stelle übe ich noch einmal die Doppelreime.

Hochseefischerei kleine Kinder Gesichtsmassage
Show stehlen mit nem Reim Zweibettzimmer verbringst den Abend
Okay, bin dabei Zeigefinger in Bandagen
Es kann losgehen, gib das Mic Scheibenwischer Künstlernamen

Reimen macht richtig Spaß. Felix und ich haben uns viele Jahre lang immer wieder gegenseitig vielsilbige Wörter hingeworfen und einen Wettbewerb daraus gemacht, wer die meisten und besten Doppelreime findet. So sind ganze Songs entstanden, in denen sich bis zu 96 Zeilen auf einander reimen. Reime kennen keine Grenzen!

Ihr könnt mir eure Ergebnisse gern an paul.marx.media@gmail.com schicken, ich schaue gern mal drüber.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Songtext Schreiben – Wichtige Grundlagen einfach erklärt [01]

12. Januar 2015

Die X-Dot-Methode

Welche Rolle spielt das Songtext Schreiben beim Musik produzieren? In dieser Folge erklären wir einiges Grundlegendes zum Songtext Schreiben. Wir zeigen am 4/4-Takt, in welchen Tempi Songs geschrieben sind und versuchen, euch ein Gefühl für Tempi zu vermitteln. Mit dieser Grundlage können wir Takte in den meisten Songs mitzählen und nutzen diese Möglichkeit, den Aufbau erfolgreicher Songs unter die Lupe zu nehmen. Wo und wie lang erklingen Strophen und Refrains?

Außerdem geben wir euch eine unserer bewährtesten Techniken beim Songtext Schreiben, um den Rhythmus der Worte mit auf dem Papier festzuhalten – die X-Dot-Methode. Mit ihrer Hilfe könnt ihr jedem Musiker und Interpreten deutlich vermitteln, in welchem Rhythmus ihr euch den Song gesungen oder gerappt vorstellt.

Songtext Schreiben im Prozess der Songproduktion

Songs bestehen grundsätzlich aus zwei Bestandteilen: Dem Text und der Musik. Diese Teile können gleichzeitig oder nacheinander entstehen, jede Reihenfolge ist machbar und liefert unterschiedliche Ergebnisse. Wir haben viele Möglichkeiten ausprobiert und können uns für keinen eindeutigen Favoriten entscheiden, probiert es einfach selbst!

Zum Songtext zählen bei uns nicht nur die Worte in der richtigen Reihenfolge, sondern auch, in welchem Rhythmus diese später im Song gesungen oder gerappt werden. Der Rhythmus ist die gestalterische Freiheit des Texters, denn er hat wesentlichen Einfluss auf die Betonung und das Gewicht der Worte. Die Melodie spielt für den Texter aber erst einmal keine Rolle, denn diese ist unserer Ansicht nach nicht Aufgabe des Texters, sondern des Produzenten oder Interpreten. Somit ist also die Aufgabe des Songtexters, seine Worte so auf den Zeilen und den Takten zu verteilen bzw. aufzuschreiben, dass der Interpret später leicht den Rhythmus nachvollziehen kann und sich mehr auf die Melodie konzentrieren kann.
Die Musikproduktion umfasst die Komposition, das Sounddesign und Arrangement des Songs. Dies kann mit oder ohne eingebundener Melodie erfolgen. Entweder komponiert also der Produzent die Melodie, oder der Interpret findet später eine Melodie auf den vorgegebenen Harmonien. Wenn Text und Musik fertig sind, kommt der Interpret ins Studio und singt den Song ein. Ab diesem Moment lässt sich am Text kaum mehr etwas verändern.

Der Ablauf des Songs sollte an dieser Stelle auch schon weitestgehend feststehen. Anschließend wird die Aufnahme gemischt und gemastert, also am Sound gefeilt und dann ist der Song fertig.

Songaufbau

Wir widmen uns in der Songtexten-Reihe also nur dem Songtexten. Wie schreibe ich einen guten Text? Wie finde und notiere ich den richtigen Rhythmus? Die Melodie soll hier keine Rolle spielen, da sie in unserem bewährten Produktionsprozess danach entsteht.

Der 4/4-Takt

Takt

Die meisten Songs, die ihr im Radio hört, sind im Vier-Viertel-Takt. Das heißt, dass ein Takt aus vier Grundschlägen besteht, von denen jeder so lang ist, wie ein Viertel des Gesamttaktes.

Somit kann man die Grundschläge in einem gleichmäßigen Rhythmus mitzählen: “Eins Zwei Drei Vier”. Wenn man eine Viertel teilt, bekommt man eine Achtel. Demnach passen 8 Achtel in einen 4/4-Takt. Zwischen den vier eben gezählten Grundschlägen lassen sich diese Achtel platzieren. Wir zählen: “Eins und Zwei und Drei und Vier und”. Dieser Takt ist genau so lang, wie der Vorherige. Wie lang die Takte des Songs genau sind, hängt vom Tempo ab.

Tempo

Stellen wir uns einmal den tickenden Sekundenzeiger einer Uhr vor. Dieser tickt 60 mal in einer Minute. Es sind also 60 Schläge pro Minute. In der Musik wird hierfür die englische Übersetzung “Beats per minute” (BPM) verwendet. Ein Song im Tempo 60 BPM hat also 60 Grundschläge in einer Minute. Wenn immer vier Grundschläge in einen Takt passen, sind also 60 / 4 = 15 Takte in einer Minute. 60 BPM ist ein sehr langsames Tempo. In diesem Tempo sind einige Balladen oder auch sehr langsame Hiphop Songs geschrieben. Songs in langsamem Tempo können beruhigend, tiefsinnig oder auch traurig wirken. 60 BPM ist langsamer als die meisten Gehtempi beim Schlendern und auch langsamer als unser Pulsschlag – das beruhigt uns also. Aber auch Eindringlichkeit kann so ausgedrückt werden. Wichtige Sätze in Reden oder Diskussionen werden betont langsam gesprochen, damit das Gegenüber jedes Wort versteht und durchdenken kann. Diese Intention lässt sich in Songs auch mit langsamen Tempi realisieren.

Stellen wir uns vor, unser Sekundenzeiger würde doppelt so schnell ticken. Die uns bekannten Ticks sind also jetzt die Eins und Drei im Takt, dazwischen fügen wir die Zwei und Vier ein. Jetzt sind wir bei 120 Grundschlägen pro Minute, also 120 BPM. Hierbei würden ganze 30 Takte in eine Minute passen. In diesem Tempo sind viele Popsongs zu finden, für Hiphop ist dieses Tempo meist schon zu schnell. Ein schnelles Tempo wirkt aufheiternd, fröhlich oder auch gehetzt. In Stilen wie Drum’n’Bass, Jungle oder Speed Metal ist das übliche Tempo weit höher. Von 140 BPM bis zu 300 BPM können hier Songs gefunden werden.

Wichtig für euch ist ein grundsätzliches Gefühl für Tempi. Ein Tempo bleibt über den gesamten Song lang konstant. Wenn ihr euren Song schreibt, solltet ihr euch also ungefähr vorstellen können, wie schnell der Interpret diesen später singt oder rappt. Das Tempo muss zum Songinhalt passen, zu den Gefühlen, die vermittelt werden und zur Songstruktur.

Hier ein paar Beispiele bekannter Songs mit zugehörigem Tempo:

Interpret Titel Tempo
Linkin Park Papercut 75 BPM
Justin Timberlake Mirrors 77 BPM
Marteria OMG! 81 BPM
Eminem Mockingbird 84 BPM
Owl City Fireflies 90 BPM
Kanye West Stronger 104 BPM
David Guetta Grrr 125 BPM

Songstruktur

Mit den Grundlagen zu Takt und Tempo können wir uns nun damit beschäftigen, wie Songs aufgebaut sind. Folgende Bestandteile finden sich in den meisten Songs:

Songbestandteil Beschreibung
Intro Eine meist musikalische Einleitung, die den Song anlaufen lässt. Typischer Weise 2, 4 oder 8 Takte lang.
Strophe Hier gibt es Text, der den Inhalt des Songs vermittelt, hier wird die Geschichte erzählt. Typischer Weise sind Strophen 8, 12 oder 16Takte lang.
Refrain Diese Passage taucht mehrmals im Song auf und vermittelt textlich die Kernaussage bzw. das Kerngefühl. Typischer Weise sind Refrains 8 Takte lang.
Bridge Musikalisch neues Thema, nur bedingt mit Text. Hier kann ein ganz neuer Aspekt des Themas vorgestellt werden. Bridges sind häufig 4, 8, 12 oder 16 Takte lang.
Outro Der Song klingt aus, nur bedingt mit Text. Häufig wird hier die Musik aus dem Refrain wiederholt und Schrittweise ausgedünnt. Outros sind häufig 4, 8, 12 oder 16 Takte lang.

Schauen wir uns mal anhand von zwei Beispielen an, wie ein Song aufgebaut sein kann. Dafür haben wir Fireflies von Owl City sowie Marterias OMG! Analysiert. Die Abläufe sehen so aus:

Owl City – Fireflies Marteria – OMG!
8 Takte Intro
8 Takte Strophe 1
8 Takte Bridge
8 Takte Strophe 2
9 Takte Refrain
16 Takte Strophe 3
16 Takte Refrain
8 Takte Outro
4 Takte Intro
16 Takte Strophe 1
8 Takte Refrain
16 Takte Strophe 2
8 Takte Refrain
12 Takte Bridge
10 Takte Outro

An diesen beiden Songs lassen sich typische Strukturen recht gut erkennen. Es gibt ein kurzes Intro und Outro, wobei beide nicht unabkömmlich sind.
Rapstrophen sind meistens 16 Takte lang, während im Pop häufiger variiert wird, 8 Takte sind hier eher üblich. Marteria trennt die Strophen durch Refrains voneinander und es ergibt sich eine klassische Struktur. Erst am Ende kommt eine Bridge, die den Song nochmal völlig umkrempelt und in ein ganz neues musikalisches Thema überleitet.
In Fireflies lässt der erste Refrain lange auf sich warten. Die Spannung wird kontinuierlich gesteigert, so dass 2 Strophen und eine Bridge zu hören sind, bevor der Refrain einsetzt. Da im Pop langsamer gesungen wird, als im Hiphop gerappt wird, ist hierfür wesentlich weniger Text notwendig.

Interessant ist vielleicht noch, dass in Fireflies der erste Refrain 9 Takte lang geht. Dort wurden die üblichen 8 Takte um einen Fülltakt erweitert, indem viele Instrumente aus dem Refrain ausklingen und im Klangbild wieder Platz geschaffen wird für die eher dünnen Synthies aus der Strophe. Das ist ein übliches Mittel um klanglich verschiedene Teile ineinander übergehen zu lassen.

Ihr solltet euch beim Schreiben eures Songs also fragen, wie er aufgebaut sein soll. Legt schon zu Beginn einen Ablauf fest, um euch den Song besser vorstellen zu können.
Sobald ihr die ersten Zeilen schreibt, könnt ihr auch schätzen, wie schnell das Tempo etwa sein soll. Sprecht dafür die ersten Zeilen einmal rhythmisch und versucht, den Grundschlag mitzuschnipsen.

So bekommt ihr am besten ein Gefühl für das ideale Tempo. Wenn allerdings schon Musik vorhanden ist, solltet ihr euren Text an das entsprechende Tempo anpassen.

In der populären Musik verändern sich Taktart und Tempo meistens im gesamten Song nicht. Somit lässt sich bei bekanntem Songaufbau und bekanntem Tempo schon voraussagen, wie lang der Song letztendlich sein wird. Mit folgender Formel könnt ihr die Songlänge für einen Song im 4/4-Takt berechnen:

Weltformel
Übung
Übung: Analysiert die Songstruktur eurer Lieblingssongs. Findet heraus, wann welcher Teil des Songs kommt und wie viele Takte er lang ist. Wie wirkt diese spezielle Songstruktur? Warum ist sie so gewählt und nicht anders?

Foo Fighters – The Pretender

13 Takte Intro
17 Takte Strophe 1
9 Takte Refrain
9 Takte Strophe 2
9 Takte Refrain
18 Takte Bridge
17 Takte Refrain
4 Takte Outro

Dieser Song zeigt, wie Fülltakte eine starke dramaturgische Spannung aufbauen können. Fast in jedem Songteil geht der Gesang über eine gerade Anzahl von Takten, gefolgt von einem oder zwei instrumentalen Fülltakten.

Ansonsten unterstützt der Songaufbau die langsame Steigerung von ruhigen, cleanen Gitarrenparts bis in die stark verzerrten, schnellen Passagen im Refrain. Aus diesem Grund kommt nach dem Intro die Strophe.

Nach dem zweiten Refrain wird die Spannung, Verzerrung und Lautstärke noch einmal auf Null zurückgefahren, um sich über 18 Takte langsam wieder aufbauen zu können für den finalen Refrain.

Die X-Dot-Methode

Mit dieser Methode könnt ihr euren Rhythmus mit eurem Text zusammen aufschreiben, so dass jede Person, die noch an der Songproduktion beteiligt ist, den Rhythmus vom Papier lesen kann. Jede fremde Person, die die X-Dot-Methode kennt, kann euren Song exakt so interpretieren, wie ihr euch das vorstellt. Auch wenn ihr selbst einmal den Rhythmus vergessen haben solltet, könnt ihr euch mit Hilfe der X-Dot-Methode schnell wieder daran erinnern. Außerdem vereinfacht die X-Dot-Methode viele weitere Prozesse des Songtextens, auf die wir in den nächsten Folgen eingehen.

Wichtigste Regel für die X-Dot-Methode ist, dass ihr den Text eines Taktes auf genau eine Zeile schreibt. Für jeden neuen Takt müsst ihr eine neue Zeile beginnen. Wenn eure Strophe also 16 Takte hat, geht euer Text also auch über 16 Zeilen!

Pic1

Nehmen wir uns nun einen Takt beziehungsweise eine Zeile heraus. Versucht am besten, sie auf die Musik zu singen, oder den Grundschlag mit gleichzeitig mit den Fingern zu schnipsen. Jeder dieser Grundschläge soll auf der geschriebenen Zeile festgehalten werden – und es gibt folgende einfach Regel:

Regel

Mit dieser Regel sollte in jeder Zeile die Summe aus den Xen und Punkten genau vier sein. Wenn das nicht so ist, habt ihr etwas falsch gemacht und solltet den Rhythmus noch einmal überprüfen! Es kann auch passieren, dass ihr ein Wort rhythmisch so singt oder rappt, dass die Pause zwischen zwei Silben des Wortes liegt. So ist das in dem oberen Beispiel bei “pic- X tures”. Trennt das Wort einfach und setzt das X dazwischen, denn nur so wird klar, dass die eigentliche Zählzeit Drei frei ist.

Diese Technik braucht ein wenig Übung, hilft aber unglaublich, viele Texte zu schreiben und sich den Rhythmus sicher zu merken!

Bei dieser Technik sollte man beachten, dass sich aus der Anzahl der Wörter pro Zeile nicht erkennen lässt, wie der Takt bisher gefüllt ist. Beispielsweise können einzelne Silben sehr lang gesungen sein, so dass eine Silbe einen gesamten Takt füllt. In James Blunts Song “High” wird das Wort “High” im Refrain sogar über 6 Grundschläge lang gesungen. In der X-Dot-Methode müssten also 6 Punkte unter dieses eine Wort, und es müsste auf zwei Zeilen stehen. Scheut euch nicht, solche “kurzen” Zeilen stehen zu lassen, das macht das Aufnehmen später viel leichter!

Übung
Übung: Sucht euch mindestens zwei Songs und schreibt interessante Teile davon in der X-Dot-Methode auf. Vergleicht einmal einen Rapsong mit einem Popsong. Beispielsweise wäre James Blunts “High” ein schönes Beispiel, um langgesungene Wörter zu notieren. Achtet ganz bewusst auf Pausen. An welchen Stellen im Takt werden Pausen eingesetzt, um einen interessanten Rhythmus aufzubauen?

Ein Stück aus der ersten Strophe und Beginn des Refrains von „High“ sieht in der X-Dot-Methode so aus:

High

Songtext Schreiben in der X-Dot-Methode

Beim Songtext Schreiben habt ihr meist einzelne Wörter, Wortgruppen oder Sätze im Kopf. Damit könnt ihr eure erste Zeile formulieren, auf die ihr anschließend einen Reim suchen könnt. Habt ihr den Reim gefunden, ist es Zeit, die Zeile zu formulieren, die mit eurem Reim endet.

Es gibt einiges zu beachten, wenn ihr eure Wörter nun auf dem Takt verteilt. Die wichtigste Erkenntnis hier ist, dass Wörter ihre ganz natürliche Betonung haben. Und betonte Silben sollten meistens auf den Grundschlägen liegen.

Zeile

Ich habe in dieser Beispielzeile mal alle natürlich betonten Silben fett markiert. Das sind die Silben, die auch auf den Zählzeiten (bzw. genau dazwischen auf dem +) landen sollten. Zum Beispiel könnte der Rhythmus so verteilt werden:

ZeileFlow

Auf diese Weise verraten euch die meisten Wörter schon ganz von selbst, wo sie im Takt stehen möchten. In manchen fällen klingt die Zeile ein wenig holprig.

Nicht so

Dieser Satz kann verschieden betont werden. Nehmen wir einmal an, ihr wollt die fett markierten Silben betonen. Das wird in einem 4/4-Takt schwierig, diese fünf Silben auf die Grundzählzeiten zu verteilen. Außerdem sind die betonten Silben ungünstig verteilt.
Hierbei habt ihr nun zwei Möglichkeiten:

1. Pausen
Setzt einfach Pausen zwischen den Worten, so dass ihr die wichtigsten Wörter trotzdem auf die Grundzählzeiten legen könnt. Das könnte in unserem Beispiel so aussehen:

Nicht so Pausen

Jetzt ist das Wort “so” zwar noch unbetont, aber der Sinn der Betonung wird dennoch gut deutlich.

2. Umformulieren
Durch Hinzufügen oder Tauschen von Wörtern könnt ihr den Sinn behalten und gleichzeitig eine bessere natürliche Betonung erreichen. Unser Beispiel könnte etwa so lauten:

Nicht so Umformuliert

Pausen sind eins der wichtigsten Stilmittel in Songtexten. Wenn eine Zeile eines Songs “voll” ist, ist jede Sechzehntel des Taktes gefüllt. Optimaler Weise sind alle betonten Silben auf Grundschlägen oder den Und-Schlägen. Ein Beispiel eines solchen natürlichen Jambus wäre:

Heute

Viel spannender würde die Zeile aber mit kreativ gesetzten Pausen klingen. Zum Beispiel so:

Ich zeig

Auch in diesem Beispiel liegen alle betonten Silben auf Grundzählzeiten oder Und-Schlägen. Aber durch die Pausen auf den Grundschlägen 1 und 2 entsteht ein spannender Rhythmus, der zum Hinhören einlädt.

Zu guter Letzt noch eine wichtige Info zu Reimen: Wenn ihr auf eine Zeile reimt, achtet darauf, dass die beiden sich reimenden Wörter die gleiche Position im Takt haben.

Happyness1

So nimmt euer Hörer die Reime deutlicher wahr und der Text klingt “runder”. Wenn das aus irgendeinem Grund nicht funktioniert, versucht, eure Reime zumindest an die gleiche Position bezogen auf eine beliebige Zählzeit zu setzen.

Happyness2

Das Thema Reime behandeln wir im nächsten Blog noch einmal ausführlicher. Wie findet ihr die richtigen Reime und Reimschemata. Ein sehr kreatives Thema, mit dem es sich lohnt, ausführlicher zu beschäftigen.

Übung
Übung: Schreibt 4 Zeilen eigenen Text über ein Kind, dass zum ersten Mal Silvester erlebt und die bunten Raketen beobachtet. Beispielsweise aus der Perspektive des Vaters könnte das gut funktionieren. Achtet beim Schreiben darauf, dass ihr die Wörter natürlich im Takt positioniert und Pausen bewusst einsetzt.

Die entstandenen Texte könnt ihr mir gern einmal an paul.marx.media@gmail.com schicken, ich schau gern mal drüber.

Wir wünschen euch viel Erfolg beim Texten und bis zum nächsten Mal!
Bis dahin – Übung macht den Writer!

 

Nachtrag vom 18.01.: Aufgrund einiger Nachfragen aus dem Rap-Genre haben wir ein Bonusvideo zur Anwendung der X-Dot-Methode im Double-, Triple- und Quattrotime gedreht. Viel Spaß damit!

Die wichtigsten Infos zu diesen Techniken haben wir euch in dieser PDF zusammengefasst.

Den Song kannst du hier kostenlos downloaden.

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